Des Pudels Kern
März 8th, 2010Jeder von uns sieht bisweilen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Im Fall unseres Blogs besteht jedoch eher die umgekehrte Gefahr – nämlich den Baum vor lauter Wald nicht mehr zu sehen. Ihr fragt euch, was das bedeuten soll? Das ist exakt die Frage, die wir uns nach all den tiefgründigen ökonomischen, soziologischen und literaturwissenschaftlichen Eskapaden zu stellen haben, nämlich: Was soll eigentlich das Wort „Gutschein“ überhaupt bedeuten?
Munteres Rätselraten ist was für Kinder. Deshalb zücken wir sogleich das geeignete Nachschlagewerk, nämlich das „Etymologische Wörterbuch des Deutschen“.* Die erschlagende Ernüchterung folgt jedoch sogleich: der Gutschein wird als mickrige Randnotiz abgehandelt, mit der höchst dürftigen Erläuterung, es sei ein „Schein über ein Guthaben in Waren oder Geld“ und tauche im 19. Jahrhundert erstmalig auf. 1700 Seiten Text, und dieses dürre Allerweltswissen ist alles, was sich zum Gutschein findet? Na toll. Grund genug, das Buch erstmals mit saftigem Schwung und einem hämischen Grinsen der Genugtuung in die weiteste und unzulänglichste Ecke zu pfeffern. Da eine kampflose Aufgabe aber keineswegs in Frage kommt, ist es höchst ratsam, nach einigen Wochen der Rage das Buch wieder aus der Ecke zu kramen, die Staubschicht, so dick wie das Make-up eines Boxenluders, und die faustgrossen Spinnen zu entfernen, es beschämt in der Bibliothek verlängern zu lassen und die Recherche zu überdenken. Und siehe da – es findet sich zwar kein wirklicher Eintrag zu „Gutschein“, wohl aber welche zu „gut“ und zu „scheinen“…
Zunächst zu „gut“. Offenbar geht dieses mehr als häufig gebrauchte Adjektiv** auf eine indoeuropäische Wurzel „ghadh“ zurück, die wohl irgendetwas mit „eng verbunden sein“ oder „zusammenpassen“ bedeutete. Es besteht wahrscheinlich auch eine Verbindung mit dem altindischen „gadhyah“, in etwa übersetzbar mit „was man gerne festhält“. Erst aus dieser, ebenso rudimentären wie schönen, Bedeutung der Zusammengehörigkeit entwickeln sich im Laufe der Zeit die heute bekannten Nuancen, also brauchbar, passend, tüchtig (im Bezug auf Menschen oder sonstige belebte Objekte), wertvoll (im Bezug auf Güter – man beachte auch hier das Wort „Güter“!) und schliesslich als Allrounder-Wort zur Bezeichnung von Freude und Wohlgefallen. Trotz aller sprachhistorischer Interessantheit lässt sich der Eintrag zu „gut“ wohl als hübsches, aber nutzloses Wissen abtun, mit dem man in einer angeheiterten Runde einigermassen erfolgreich angeben kann; in etwa wie mit dem Faktum, dass der Kilimandscharo der meistgezeichnete Berg der Welt ist (wer wusste das? Hand hoch!).
Beim „Scheinen“ wird die Angelegenheit jedoch etwas kniffliger. Während das althochdeutsche „skinan“ ursprünglich das Leuchten oder Glänzen (insbesondere von Himmelskörpern, also Sternen) bedeutete, entwickelte sich parallel bereits die übertragene Bedeutung, „zu Spekulationen Anlass geben“ – denn die Sterne konnte man sich damals noch um einiges weniger erklären als heute – und somit schein-bar sein, also nicht in Wirklichkeit sein. Somit bleibt das Wort, den blöden Sternen sei Dank, bis heute zwischen zwei völlig unterschiedlichen Emotionen, nämlich einer mehr oder weniger reinen Freude einerseits und einem suspekten Argwohn andererseits, hin und her gerissen. Freilich macht sich diese Doppelung auch beim althochdeutschen „skin“, also dem heutigen „Schein“ bemerkbar; einerseits haben wir es mit einem Lichtschein oder Glanz, andererseits mit einem Trugbild zu tun.
Als schliesslich die Bedeutung „Urkunde“ oder „Schriftstück“ auftaucht, ist es folglich einerseits ein sichtbarer (da leuchtend) Beweis von etwas, andererseits bleibt aber immer noch der fade Nachgeschmack eines versteckten je-ne-sais-quoi hinter oder zwischen den Zeilen. Ein Gutschein wäre folglich ein glänzender, sichbarer Beweis von etwas, was auf bestimmte Art und Weise zu demjenigen passt, der es erhält.
„Da steh’ ich nun, ich armer Tor / Und bin so klug als wie zuvor“, ist man mit Heinrich Faust geneigt zu sagen.*** Zeit, zu unserer Ausgangsbeobachtung zurückzukehren, nämlich dem mickrigen Eintrag zu „Gutschein“. Nach längerer Observation stellt sich nämlich heraus, dass die oben genannten Infos nicht die einzigen waren. Verstohlen und beinahe unmerklich lugt hinter einer Klammerbemerkung die Erläuterung hervor, das deutsche Wort „Gutschein“ sei schlicht und ergreifend eine „Verdeutschung für (das französische) Bon“. Offenbar benötigte man seinerzeit eine Übersetzung, die einigermassen stimmig sein sollte, und scheiterte an der Tatsache, dass das Wort „Gut“ (im Sinn von Landbesitz bzw. Ware/Vermögen) bereits belegt war. Wäre dies nicht der Fall gewesen, würde die ebenso simple wie geniale Bedeutung dieser unscheinbaren Schriftstücke auch heute unmittelbar ins Auge springen: Ein Gutschein ist gut. Punkt.
* Pfeifer, Wolfgang (Hg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. München 2005.
** Laut einer Studie aus dem Jahr 2001 auf dem 11. Platz der am häufigsten gebrauchten deutschen Adjektive, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_häufigsten_Wörter_der_deutschen_Sprache
*** http://de.wikipedia.org/wiki/Faust._Eine_Tragödie.#Figuren





