Des Pudels Kern

März 8th, 2010

Jeder von uns sieht bisweilen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Im Fall unseres Blogs besteht jedoch eher die umgekehrte Gefahr – nämlich den Baum vor lauter Wald nicht mehr zu sehen. Ihr fragt euch, was das bedeuten soll? Das ist exakt die Frage, die wir uns nach all den tiefgründigen ökonomischen, soziologischen und literaturwissenschaftlichen Eskapaden zu stellen haben, nämlich: Was soll eigentlich das Wort „Gutschein“ überhaupt bedeuten?

Munteres Rätselraten ist was für Kinder. Deshalb zücken wir sogleich das geeignete Nachschlagewerk, nämlich das „Etymologische Wörterbuch des Deutschen“.* Die erschlagende Ernüchterung folgt jedoch sogleich: der Gutschein wird als mickrige Randnotiz abgehandelt, mit der höchst dürftigen Erläuterung, es sei ein „Schein über ein Guthaben in Waren oder Geld“ und tauche im 19. Jahrhundert erstmalig auf. 1700 Seiten Text, und dieses dürre Allerweltswissen ist alles, was sich zum Gutschein findet? Na toll. Grund genug, das Buch erstmals mit saftigem Schwung und einem hämischen Grinsen der Genugtuung in die weiteste und unzulänglichste Ecke zu pfeffern. Da eine kampflose Aufgabe aber keineswegs in Frage kommt, ist es höchst ratsam, nach einigen Wochen der Rage das Buch wieder aus der Ecke zu kramen, die Staubschicht, so dick wie das Make-up eines Boxenluders, und die faustgrossen Spinnen zu entfernen, es beschämt in der Bibliothek verlängern zu lassen und die Recherche zu überdenken. Und siehe da – es findet sich zwar kein wirklicher Eintrag zu „Gutschein“, wohl aber welche zu „gut“ und zu „scheinen“…

Zunächst zu „gut“. Offenbar geht dieses mehr als häufig gebrauchte Adjektiv** auf eine indoeuropäische Wurzel „ghadh“ zurück, die wohl irgendetwas mit „eng verbunden sein“ oder „zusammenpassen“ bedeutete. Es besteht wahrscheinlich auch eine Verbindung mit dem altindischen „gadhyah“, in etwa übersetzbar mit „was man gerne festhält“. Erst aus dieser, ebenso rudimentären wie schönen, Bedeutung der Zusammengehörigkeit entwickeln sich im Laufe der Zeit die heute bekannten Nuancen, also brauchbar, passend, tüchtig (im Bezug auf Menschen oder sonstige belebte Objekte), wertvoll (im Bezug auf Güter – man beachte auch hier das Wort „Güter“!) und schliesslich als Allrounder-Wort zur Bezeichnung von Freude und Wohlgefallen. Trotz aller sprachhistorischer Interessantheit lässt sich der Eintrag zu „gut“ wohl als hübsches, aber nutzloses Wissen abtun, mit dem man in einer angeheiterten Runde einigermassen erfolgreich angeben kann; in etwa wie mit dem Faktum, dass der Kilimandscharo der meistgezeichnete Berg der Welt ist (wer wusste das? Hand hoch!).

Beim „Scheinen“ wird die Angelegenheit jedoch etwas kniffliger. Während das althochdeutsche „skinan“ ursprünglich das Leuchten oder Glänzen (insbesondere von Himmelskörpern, also Sternen) bedeutete, entwickelte sich parallel bereits die übertragene Bedeutung, „zu Spekulationen Anlass geben“ – denn die Sterne konnte man sich damals noch um einiges weniger erklären als heute – und somit schein-bar sein, also nicht in Wirklichkeit sein. Somit bleibt das Wort, den blöden Sternen sei Dank, bis heute zwischen zwei völlig unterschiedlichen Emotionen, nämlich einer mehr oder weniger reinen Freude einerseits und einem suspekten Argwohn andererseits, hin und her gerissen. Freilich macht sich diese Doppelung auch beim althochdeutschen „skin“, also dem heutigen „Schein“ bemerkbar; einerseits haben wir es mit einem Lichtschein oder Glanz, andererseits mit einem Trugbild zu tun.

Als schliesslich die Bedeutung „Urkunde“ oder „Schriftstück“ auftaucht, ist es folglich einerseits ein sichtbarer (da leuchtend) Beweis von etwas, andererseits bleibt aber immer noch der fade Nachgeschmack eines versteckten je-ne-sais-quoi hinter oder zwischen den Zeilen. Ein Gutschein wäre folglich ein glänzender, sichbarer Beweis von etwas, was auf bestimmte Art und Weise zu demjenigen passt, der es erhält.

„Da steh’ ich nun, ich armer Tor / Und bin so klug als wie zuvor“, ist man mit Heinrich Faust geneigt zu sagen.*** Zeit, zu unserer Ausgangsbeobachtung zurückzukehren, nämlich dem mickrigen Eintrag zu „Gutschein“. Nach längerer Observation stellt sich nämlich heraus, dass die oben genannten Infos nicht die einzigen waren. Verstohlen und beinahe unmerklich lugt hinter einer Klammerbemerkung die Erläuterung hervor, das deutsche Wort „Gutschein“ sei schlicht und ergreifend eine „Verdeutschung für (das französische) Bon“. Offenbar benötigte man seinerzeit eine Übersetzung, die einigermassen stimmig sein sollte, und scheiterte an der Tatsache, dass das Wort „Gut“ (im Sinn von Landbesitz bzw. Ware/Vermögen) bereits belegt war. Wäre dies nicht der Fall gewesen, würde die ebenso simple wie geniale Bedeutung dieser unscheinbaren Schriftstücke auch heute unmittelbar ins Auge springen: Ein Gutschein ist gut. Punkt.

* Pfeifer, Wolfgang (Hg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. München 2005.
** Laut einer Studie aus dem Jahr 2001 auf dem 11. Platz der am häufigsten gebrauchten deutschen Adjektive, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_häufigsten_Wörter_der_deutschen_Sprache
*** http://de.wikipedia.org/wiki/Faust._Eine_Tragödie.#Figuren

Gegen den Strom

Februar 18th, 2010

Das Januarloch ist glücklicherweise wieder vorbei, was mir die Gelegenheit bietet, über – wie letztes Mal angekündigt – etwaige Möglichkeiten nachzudenken, wie man mit geschicktem, geschenkbasiertem antizyklischem Verhalten einen Ausweg aus dem finanziellen Tief herbeitricksen kann. Und all das, ohne Haftung übernehmen zu müssen.

Die Grundidee ist bekanntlich die: Man schenkt absichtlich Dinge, die eine Gegenleistung nach sich ziehen, so dass das temporäre Defizit über kurz oder lang mehr als ausgeglichen wird. Über die moralische Schändlichkeit und eigentliche Sinnlosigkeit eines solchen Unterfangens haben wir uns im Rahmen dieses Blogs bereits ausgelassen, aber dies soll uns heute egal sein – hey, wir befinden uns schliesslich in einer Notsituation! Wir müssen uns also lediglich über folgende Fragen Gedanken machen: a) Welche Geschenktypen eignen sich für eine antizyklische Strategie (bzw. welche nicht) und wieso (bzw. wieso nicht)? b) Welche Geschenktypen erreichen die höchste Gewinnquote (und warum)? sowie c) in welchem Zeitrahmen ist ein Gewinn zu erwarten und was zum Teufel macht man in der Zwischenzeit, während man hochverschuldet ist?

Zu a): Die zu wählenden Geschenktypen lassen sich nach zwei einfachen Grundsätzen auswählen. i) Berücksichtige das Fingerzeig-Prinzip und ii) Vermeide das divide-et-impera-Prinzip.

Zu i): Das Fingerzeig-Prinzip besagt, dass man auf die überreichten Geschenke jederzeit mit dem Finger zeigen können sollte, um den Beschenkten – natürlich mit freundlich-scherzhaftem Unterton – darauf aufmerksam zu machen, dass er uns gefälligst noch etwas schuldig ist. Dies schliesst beispielsweise verzehrbare Geschenke wie Pralinen etc. aus, nicht zuletzt da der Mensch die uralte Weisheit „aus den Augen, aus dem Sinn“ (bzw. im vorliegenden Fall „aus dem Darme, aus dem Sinn“) über Jahrtausende instinktiv verinnerlicht hat. Auch Erlebnis-Geschenke wie Reisen kommen nicht in Frage, da sie keine Spuren hinterlassen, die als Fingerzeig-Target zweckentfremdet werden könnten. Die wenigen Urlaubsfotos auf Facebook können mit wenigen Klicks gelöscht werden, und darauf zu hoffen, dass dem Beschenkten in Australien von einem Weissen Hai das Bein spontanamputiert wird, ist nicht nur makaber, sondern führt – sofern es tatsächlich eintritt – nicht zum gewünschten Ergebnis; mit dem Finger auf den Rollstuhl zu zeigen bringt den Beschenkten nämlich nicht in Geberlaune, sondern bestenfalls direkt in die Arme des Psychiaters von nebenan.

Zu ii) „Was Niccolo Machiavelli recht war, kann uns nur billig sein!“ – von wegen. Der von uns allen geliebte Florentiner hat zwar durchaus ein Paar Asse im Ärmel, wenn es um erfolgsorientierte Lebensführung geht, sein „teile und herrsche“-Prinzip versagt in unserem Fall jedoch gänzlich. Beispiel: Wenn Beschenkter X mit unbeschenkter Person Y in enger persönlicher Bindung steht, darf Geschenk Z nicht so gewählt werden, dass Y auf X eifersüchtig wird. Andernfalls wird X – logischerweise – zunächst alles versuchen, um Y wieder versöhnlich zu stimmen und für eine Alternative zu Z Geld ausgeben, wodurch wir schandbar alt aussehen. Es muss also darauf geachtet werden, dass sich Y für Z nicht interessiert, oder aber dass X und Y mit Z gleichermassen befriedigt werden. Letzteres bedeutet schlimmstenfalls, dass wir sowohl X wie auch Y ein Exemplar von Z besorgen müssen.

Zu b): Nun gut. Es bleiben also Fingerzeig-Geschenke übrig. Die Auswahl ist trotz dieser Einschränkung jedoch freilich sehr gross. Hierbei hilft das berühmt-berüchtigte „Germany’s Next Topmodel-Prinzip“. Soll heissen: Das Geschenk soll gut aussehen, aber zu nichts taugen. Entgegen den pessimistischen Überzeugungen vieler Griesgrame sind Objekte, die nur gut aussehen, nicht teuer. Teuer sind sie nur dann, wenn sie gut aussehen und tatsächlich etwas bringen (wobei das „etwas bringen“ natürlich auf viele unterschiedliche Arten interpretiert werden kann). Cole & Mason-Pfeffermühlen mahlen Pfeffer. Und sehen gut aus. Folge: teuer. Es gilt also, Geschenke zu finden, die nur gut aussehen, aber keinen erkennbaren Nutzen aufweisen. Dies ist aus zwei Gründen hilfreich: Einerseits bezahlen wir weniger dafür (und holen entsprechend bei einem Gegengeschenk höhere Renditen heraus), andererseits bleibt der Fingerzeig-Faktor erhalten, denn der Beschenkte hat mit grosser Wahrscheinlichkeit absolut keinen Plan davon, was er mit dem Geschenk anfangen soll, und stellt es irgendwo auf der Vitrine (o.ä.) aus. Würde es sich nämlich um ein nützliches Geschenk handeln, verschwände es innerhalb kürzester Zeit an den Ort, wo es am besten zu gebrauchen sei.

Zu c): Die Zeitspanne zwischen Aufwand und Ertrag ist schwierig vorauszuberechnen. Es lassen sich jedoch einige verblüffende Faustregeln festhalten: i) Je teurer das Geschenk, desto später kommt das Gegengeschenk. Wer heute ein Auto schenkt, erhält nicht schon morgen das Gegenauto. ii) Je wohlhabender der Beschenkte, desto länger (!) die Wartezeit. Schliesslich ist in den Augen des Reichen das – ja ohnehin wertlose – Geschenk noch ein Stück wertloser und verdient weniger Aufmerksamkeit. iii) Je häufiger der Fingerzeig, desto länger die Wartezeit. Dies mag paradox erscheinen, doch erstens geht man mit exzessivem Hinweisen dem Beschenkten schnell mal auf den Geist, und zweitens ist das sog. Target-Fingering mehr oder minder zwangsläufig mit Besuchen beim Beschenkten verbunden, so dass die Gastfreundschaft teilweise das pendente Gegengeschenk aufwiegt. Traurigerweise ist man in der ersten Phase des antizyklischen Handelns jedoch oftmals hungrig und somit auf die Gastfreundschaft angewiesen, denn das Konto steckt dermassen im Minus, dass die Bankomaten, sobald wir uns nähern, sich von selbst herunterfahren, und Postfinance mehrere Spezialeinheiten auf unseren Hals ansetzt.

Sich antizyklisch richtig zu verhalten, ist also durchaus eine Gratwanderung und eine Frage des Fingerspitzengefühls. Zum Glück haben wir nun 11 Monate Zeit, um zu üben. Oder habt ihr ernsthaft das Gefühl, ein geregeltes Leben im 2010 bewahrt euch vom nächsten Januarloch?

Ja, ganz bestimmt…

Das Loch

Januar 15th, 2010

Da betrinkt man sich an Silvester ordentlich, wie es sich gehört, schläft den Rausch aus und landet – in einem Loch! Gemeint ist natürlich nicht das ungute Gefühl in der Magengegend, aufgrund dessen wir für einen Moment glauben, jemand hätte uns Möbelpolitur in den 14. Drink gemixt, verbunden mit Vorschlaghammerstössen in den Hinterkopf und der ratlosen Verwunderung darüber, wer denn die wildfremde Person im eigenen Bett ist (oder – im schlimmeren Fall – wo zum Teufel man sich überhaupt befindet). Gemeint ist ein viel globaleres Phänomen: Das Januarloch.

Das Januarloch ist eine ziemlich seltsame Erscheinung. Eigentlich wird mit diesem Wort die Tatsache bezeichnet, dass die Leute nach exzessiven Weihnachtseinkäufen im Januar die Ausgaben einschränken müssen und sich einen Monat lang bestenfalls von schlabbrigen Teigwaren mit Ketchup (wobei Ketchup schon ein Luxusobjekt darstellt) ernähren. Infolgedessen ist es nicht erstaunlich – da wir Menschen ja trotz Allem geldorientierte Tiere sind –, dass unsere Stimmung im Januar in das psychische Gegenstück zum ökonomischen Loch fällt und wir Trübsal im Akkord blasen. Nicht zuletzt schlägt sich dies auf unsere Wirtschaft nieder, und die Manager kriegen das grosse Flattern in der Befürchtung, sie könnten den schon 6 Wochen alten Nadelstreifen-Anzug nicht rechtzeitig durch einen neuen ersetzen.

An sich alles verständlich und nachvollziehbar; das einzige Problem am Januarloch: es existiert so nicht. Dennoch hat es sich als partiell imaginäres Problem einen ziemlich grossen Namen gemacht. Interessanterweise würde es vielleicht sogar existieren, wenn das Christentum eine grosse, glückliche Familie wäre. Dies ist jedoch nicht der Fall, und siehe da – die Rettung aus dem Januarloch kommt tatsächlich von Seiten der russisch-orthodoxen Kirche. Seit einem unfassbar unsinnigen Kalenderstreit im Mittelalter feiern die Alternativchristen ihr Weihnachtsfest am 7.1. – und haben entsprechend später Ferien. Glücklicherweise finden sie (oder zumindest einige Oligarchen unter ihnen) grossen Gefallen daran, die Ferien in den Schweizer Skigebieten zu verbringen und der Tourismusbranche somit Freudentränen in die Augen zu treiben.

So weit, so gut. Die Wirtschaft ist also gerettet, die Firma Nadelstreifen muss nicht Konkurs anmelden und die Manager trinken Cristal und Dom Perignon nicht mehr aus Frust, sondern aus Freude. Doch was bringt uns das im Hinblick auf unser ganz persönliches Loch? Denn spätestens wenn wir ein Paar Alka-Seltzer intus, eine Bouillonsuppe gelöffelt und die wildfremde Gestalt mit smarten Tricks aus der Wohnung befördert haben (im schlimmeren Fall: wenn wir nach stundenlanger Odyssee den Heimweg gefunden haben), wird es uns schlagartig bewusst: das letzte Bargeld ging für den 5-Uhr-morgens-Drink drauf, das Konto leidet an Anorexia Nervosa und sogar Zuschüsse wie der 13. Monatslohn verpufften wie Klaus letzten Monat. Was tun?

Die Ökonomie predigt in solchen und ähnlichen Situationen schon seit geraumer Zeit das sog. antizyklische Verhalten. Soll heissen, in Krisensituationen soll man Investitionen tätigen – oder vereinfacht ausgedrückt: Kohle aus dem Fenster ballern –, um die Wirtschaft anzukurbeln und für einen positiven Konjunkturverlauf zu sorgen. Auf unsere private Ebene übertragen würde das also bedeuten, den Kontostand bewusst ins Minus zu drücken, um mit – hoffentlich geschicktem – Geldausgeben für einen baldmöglichsten Aufschwung im Portemonnaie zu sorgen. Dass dies ein heikler Schachzug ist, sollte jedermann einleuchten: man begibt sich förmlich aufs Glatteis, mit nichts als der Hoffnung, dass sich die Investitionen als fruchtbringend und sinnvoll herausstellen werden. Ihr merkt, wie sich der Kreis zu Gunsten unseres Blogs schliesst: Geschenke als Investitionsmittel scheinen hierfür von besonderem Interesse zu sein, da sie oftmals ein Gegengeschenk nach sich ziehen. Inwiefern Geschenke tatsächlich in finanziellen Krisensituationen als antizyklisches Medium wirksam sind, werden wir nächsten Monat untersuchen. Bis dann ist glücklicherweise das Januarloch bereits vorbei.

Gutscheinwelt.ch-Blogger, Bojan Peric

Eine Weihnachtsgeschichte

Dezember 14th, 2009

Der Fahrtwind blies ihnen um die Ohren. Es war Heiligabend, die Lichter der Grossstadt hinter ihnen leuchteten so deutlich wie die Augen der Kinder, die jedoch wohl schon längst schliefen. Rudolf durchschnitt die Luft mit seinen geschmeidigen Hufen, Funken stoben. Eine scharfe Windböe von rechts schüttelte den riesigen Wagen, und einige Geschenkpakete wankten bedenklich. Klaus zog die Zügel an, und Rudolf verlangsamte das Tempo.”Ein Schneesturm zieht auf”, sagte Klaus. “Wir sollten vorsichtig fliegen.”

“Du hast Recht, Klaus”, antwortete Rudolf. “Der Glühwein macht mich manchmal so übermütig.”

Stille Sekunden vergingen. Klaus dachte über den Heiligen Abend nach, die jährliche Krönung all seiner Bemühungen. Bald würden auch die letzten Geschenke abgeliefert sein, der letzte Schornstein hochgeklettert und die letzten Guetzli mit Milch heruntergespült. Dies würde, wie jedes Mal, tragische Folgen für seinen Cholesterinhaushalt haben, aber vor Allem würde Klaus wieder für ein ganzes Jahr alleine sein. Er seufzte leise.

“Ich habe nachgedacht, Klaus”, sagte Rudolf.

“Hast du wieder Anfälle von Jahresend-Sentimentalität?” fragte Klaus schmunzelnd.

“Nun ja, wer hat die nicht… Aber sieh mal, ich mache den Job mit dir schon seit unzähligen Jahren. Unser Teamwork und meine rote Nase haben Weltruhm erlangt. Eigentlich erstaunlich für ein einfaches Rentier –”

“Nach – 200 Metern – links abbiegen” krächzte das Navi über Kopfhörer in Rudolfs linkes Ohr. Er schnaubte kraftvoll, spannte seine Muskeln zu einem Kraftakt und warf sich, unvergleichlich ästhetisch, in die scharfe Linkskurve. Der Wagen scherte aus, die Luft unter den Kufen vibrierte und brach. Mehrere Kilometer unter ihnen lag das Tösstal, und ihr Ziel, Winterthur, war als hübsche Lichterkette gut sichtbar. Rudolf setzte zum Sinkflug an. Er freute sich bereits auf das traditionelle Manöver, beim Deutweg eine horizontale Fassrolle ums Minarett zu fliegen. Vielleicht würde es das letzte Mal sein.

“Du wolltest etwas sagen?” fragte Klaus.

“Ah ja, genau”, antwortete Rudolf, “sag mal, Klaus… Wie soll ich es ausdrücken…”

“Nur raus damit, alter Kumpel”, ermutigte ihn Klaus.

“Naja… Weisst du… Sag, wie kommst du eigentlich damit zurecht, dass…”

“Womit denn?”

“Naja, du weisst schon, damit, dass wir eigentlich gar nicht existieren? Dass wir ein reines Produkt der Phantasie sind, erfunden, um Kinder gleichzeitig zu belohnen und zu ermahnen, tausendfach reproduziert, schlecht nachgemacht, von Kultur zu Kultur verfremdet, mit seltsamen Begleitern versehen, von Knecht Ruprecht über Krampus bis zum Schmutzli? Dass uns gar unterschiedliche Arbeitstage zugewiesen werden – bedenke, heute dürften wir eigentlich gar nicht hier sein, denn die Winterthurer glauben allen Ernstes, das Christkind würde sich um die weihnächtliche Geschenkdistribution kümmern… Als hätte der arme Kleine nichts Besseres zu tun…”

“Du schweifst ab, Rudolf”, ermahnte ihn Klaus.

“Stimmt”, antwortete Rudolf. “Aber eben, wie kommst du damit zurecht, nur ein Phantasiegebilde zu sein…?”

Klaus hatte befürchtet, dass dieser Moment irgendwann kommen würde. Er versuchte, die aufkommenden Gedanken abzuwenden, indem er sich auf Mailänderli und Zimtsterne fokussierte. Aber es gelang im nicht. Die Überlegungen zu seiner eigentlichen Nichtexistenz bohren sich förmlich in seinen Kopf, und er spürte, dass die Logik ihn aufzulösen begann. Sein linkes Ohr zerstäubte in der kalten Winterluft irgendwo über Weisslingen. Klaus verstand, dass es zu Ende ging, und gab Rudolf noch ein letztes Mal die Sporen: “Zeig mir dein Minarett-Manöver, alter Kamerad!” Rudolf spannte seine Muskeln ein weiteres Mal und schnaubte, dass die Luft zu erzittern schien. Die Schneewand öffnete sich, im Wissen, dass etwas Epochales im Begriff war zu geschehen. Rudolf holte zum Sprung aus, ein Funkenmeer erhob sich und riss einen Teil seiner Vorderhufen mit. Klaus sah seine Hände zu funkelndem Staub zerfallen und spürte die linke Hälfte seines Gesichts nicht mehr. “Schneller, alter Freund, schneller!” Rudolf bäumte sich auf gegen alle Vernunft dieser Welt und senkte seine zu Stummeln verkümmerten Hörner, bereit zum Kampf.

Wenige hundert Meter über dem Deutweg verglühten sie in der Realität. Noch Minuten später blies der Wind bunte Staubteilchen umher und vermischte sie mit dem Schnee.

Gutscheinwelt.ch-Blogger, Bojan Peric

Cyberchristmas

November 17th, 2009

Es ist soweit. Die grellen Beleuchtungen werden aufgehängt, Luxusgüter in die Schaufenster gestapelt und grinsende Opas mit roten, für die Jahreszeit viel zu dünnen Kleidern auf die Menschheit losgelassen. Und bei aller Liebe für Augenzwinkereien und Ironie ist es wahrscheinlich nötig, ein paar ernsthafte Gedanken über Weihnachten zu formulieren.

Die Menschheit lässt sich bekanntlich in zwei Lager spalten: Die traditionelles-Weihnachten-Fans und die traditionelles-Weihnachten-Hasser. Erstere betonen die Schönheit der familiären Zusammenkunft und die Wichtigkeit des Festes aus religiöser Sicht bzw. die daraus entstehende psychische Stärkung. Letztere verurteilen die Kommerzialisierung, den rot-weissen Coca-Cola-Weihnachtsmann als Symbolbild des westlichen Kapitalismus und die Religion als ein Relikt aus längst vergessenen Zeiten, das mittlerweile bestenfalls als Legitimation von Do-It-Yourself-Sprengsätzen brauchbar ist.

Unrecht haben im Grunde beide. Es ist zum einen verkehrt, anzunehmen, das moderne Weihnachtsfest, so wie es im kollektiven Gedächtnis existiert, habe tatsächlich viel mit christlich-religiösen Werten zu tun; vielmehr findet kontinuierlich eine Symbiose mit durchaus weltlichen Phänomenen statt, die unser Bild von Weihnachten prägen. Auch kulturelle Aspekte sowie die Fähigkeit des Christentums, die eigenen Bräuche je nach Bedarf zu verbiegen (so entstammen Ostereier beispielsweise aus heidnischer Tradition, wobei ein Eier beinhaltendes Osterfest natürlich das Christentum für die Heiden attraktiver machen sollte) begünstigen eine Veränderung von – nur scheinbar – allgemeingültigen Traditionen im Laufe der Zeit.* Darüber hinaus ist die Tatsache, dass die Familie an Weihnachten zusammenkommt, nicht unbedingt ein Segen, weiss man doch bestimmt aus eigener Erfahrung, dass der „Schluuch“ bisweilen eine Eigendynamik entwickelt und unter Umständen mehr Zwang als Vergnügen ist (und entsprechend „schluucht“).

Andererseits macht man es sich zu einfach, wenn man die weihnächtlichen Ideale – sofern man sie so nennen kann – durch die Reihe verurteilt. Auch überzeugte Agnostiker und/oder Kulturpessimisten haben ein flaues Gefühl im Magen, wenn sie sich selbst ein Weihnachtsessen kochen und es alleine verzehren müssen, und auch sie machen sich Gedanken über die Ästhetik der Weihnachtsbeleuchtung in der Bahnhofstrasse oder über den dreifach-Spagat zwischen dem Welthunger, der Wirtschaftskrise und dem Konsumwahn gegen Jahresende. Weihnachten ist viel mehr als nur ein christliches Hirngespinst; es ist ein soziales Phänomen, das in seiner Einzigartigkeit durchaus ernstzunehmen und – in gewissem Sinne – auch zu bewundern ist.

Doch, wie oben erwähnt, ändern sich die Zeiten, und es stellt sich die Frage nach dem Stellenwert der einzelnen Teilbräuche in der heutigen Zeit, gerade trotz oder wegen des dreifach-Spagats, des Kapitalismus, des modifizierten Christentums etc. Hierzu lässt sich zweierlei behaupten: einerseits ist der moderne Mensch ein widersprüchliches, andererseits ein – allen Ideologien zum Trotz – materialistisches Wesen. Zum Widersprüchlichen: Es ist nicht zu bestreiten, dass der Familienschluuch, das gemeinsame Guetzlen mit der Oma oder das Einhalten bestimmter Rituale** manchmal auch mühsam oder gar eine Geduldprobe sein können; aber trotzdem – oder gerade deswegen – stellt sich ein Gemeinschaftsgefühl ein. Auch ein nerviges Dazugehören ist ein Dazugehören, auch ein mühsames soziales Netz ist ein soziales Netz. Zum Materialistischen: Es wäre schlicht blauäugig, zu behaupten, das moderne Beschenken liesse sich aus dem Weihnachtsfest verbannen. Der Materialismus gehört zur westlichen Welt; wir haben ihn, trotz unserer Hippie-Phasen mit schrecklichen Klamotten und übelriechenden weichen Drogen, durch unsere schlichte Existenz verinnerlicht, und es ist in jedem fall sinnvoller, etwas Vernünftiges damit anzustellen, als ihn aus unserem Wesen verbannen zu wollen. Wertschätzung wird durchaus auch materiell erfahren bzw. lässt sich auf diese Weise ausdrücken, und darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass Geschenke auch dann, wenn sie nicht unbedingt ankommen, trotzdem Geschenke sind und als solche zur sozialen Stärkung beitragen (wiederum Stichwort Widersprüchlichkeit).

Kurzum: der Wandel der Zeit macht den Umgang mit Weihnachten nicht einfacher. Er macht ihn sogar sehr anspruchsvoll. Mit dem richtigen Gespür lässt sich aber durchaus auch im Jahr 2009 noch ein modern-traditionelles Fest feiern. In diesem Sinne, viel Erfolg bei den Vorbereitungen!

* vergleiche hierzu die unterschiedlichen Facetten des Weihnachtsfestes auf http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachten_weltweit

** In christlich-orthodoxen Kreisen beispielsweise ist es üblich, vor dem Essen ein (fantastisches) selbstgebackenes Brot in die Höhe zu heben und gemeinsam dreimal im Kreis zu drehen, während das Vaterunser gebetet wird. Trotz der Feinheit des Brotes aus eigener Erfahrung unfassbar nervtötend.

Literarisches Schenken 3: Mehr über die Sehnsucht

Oktober 13th, 2009

Es wird langsam Zeit, sich von den literarischen Betrachtungen zu verabschieden; dies jedoch nicht, ohne einen Gedanken weiterzuführen, der euch bestimmt schon seit einem Monat laut surrend im Kopf herumschwirrt. Falls es nämlich tatsächlich so ist, dass die Sehnsucht unser eigentlicher menschlicher Motor ist, und die Unterbrechung der Sehnsucht eigentlich einen inhumanen, wenn nicht gar tyrannischen Akt darstellt – wieso sollte man dann überhaupt schenken? Jedes Geschenk, egal wie geschickt es auf eine Aufrechterhaltung der Sehnsucht hin ausgesucht wurde (vgl. letztes Mal), hat doch zwangsläufig zur Folge, dass zumindest eine kleine innere Zerrissenheit des Empfängers mit emotionalem Klebeband gekittet wird. Somit kommen wir in die paradoxe Situation, dass das Schenken als solches eigentlich zur grössten Gemeinheit wird, die wir jemandem in unserem Alltagsleben antun können.

Ich sehe schon die Äuglein aller Geizkrägen feucht werden vor Glück und rufe Halt! So einfach ist es auch wieder nicht, und so leicht kommt ihr mir nicht davon.

Eine alte Blog-Weisheit ist, dass der Akt des Schenkens nicht isoliert betrachtet werden darf; er ist eingebunden in eine Interaktion zwischen Individuen, und jegliche Verletzung dieser höchst labilen Balance pervertiert unter Umständen den ganzen Zweck dieser an sich höchst sinnvollen gesellschaftlichen Einrichtung. Eine neue Blog-Weisheit ist, dass das Schenken sich nicht nur in der Interaktion zwischen Menschen, sondern auch in der Zeit abspielt. Dieser Umstand lässt sich wohl am besten mit einem Ausschnitt aus einer Weihnachtsszene in Walter Benjamins „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ illustrieren:*

„Ich hätte mir den Tag verderben können, wenn ich mich vorschnell auf Geschenke stimmte, die dann rechtmässiger Besitz von andern wurden. Dem zu entgehen, blieb ich auf der Schwelle wie angewurzelt stehen, auf den Lippen ein Lächeln, von dem keiner hätte sagen können, ob der Glanz des Baumes es in mir erweckte oder der der mir bestimmten Gaben, denen ich mich, überwältigt, nicht zu nahen wagte. Aber am Ende war es etwas Drittes, was tiefer als die vorgetäuschten Gründe und sogar als mein echter mich bestimmte. Denn noch gehörten die Geschenke mehr dem Geber als mir selbst. Sie waren spröde; ich hatte Angst, sie vor aller Augen ungeschickt anzufassen. Erst draussen auf der Diele, wo das Mädchen sie uns mit Packpapier umwickelte und ihre Form in Bündeln und Kartons verschwunden war, um uns an ihrer Statt als Bürgschaft ein Gewicht zu hinterlassen, waren wir ganz der neuen Habe sicher.“

Dieser – zugegebenermassen etwas lange und für nicht-Benjamin-Gewöhnte harzige – Abschnitt scheint auf den ersten Blick trivial. „Vorfreude!“, rufen erfahrene Bild-Leser nach dem ersten Überfliegen und sinken in den Sessel zurück, sich ergötzend am eigenen Scharfsinn. Ja, Vorfreude. Aber wie.

Benjamin schmettert uns geradezu ein Vorfreudengewitter um die Ohren. Zunächst freut sich das Kind (auf sehr mysteriöse Weise) ob der schieren Existenz der Geschenke, dann an der Tatsache, dass sie (noch) nicht so richtig ihm gehören, und selbst, als die Übergabe schon erfolgt ist, multipliziert sich die Vorfreude durch die – aus heutiger Sicht – zeitliche Umkehrung der Ereignisse. Die Geschenke werden nämlich erst nach der Vergabe eingepackt, so dass man selbst dann, wenn man sich schon im Besitz des Geschenkten wägt, eine gewisse Distanz dazu empfindet.

Dieses geniale Bombardement der Erwartung betont die immense Wichtigkeit, die der Sehnsucht im Prozess des Schenkens (wie auch im Leben selbst) zukommt. Doch was damit anfangen? Die Schenker in Benjamins Text sind Meister ihrer Kunst, denn sie haben begriffen, dass es mit der blossen Übergabe nicht getan ist; mindestens ebenso wichtig ist, was zuvor passiert. Freilich sollte es nach Möglichkeit nicht dermassen ausarten, dass der/die Beschenkte schon auf eine Kreuzfahrt mit dem schwedischen Bikini-Team/den Chippendales hofft (was wir seinerzeit auch schon besprochen hatten) – aber mit dem richtigen Augenmass und, im wahrsten Sinne des Wortes, Timing transzendiert euer Geschenk schon bald die Grenzen eingerosteter Bräuche.

Denjenigen, die immer noch zweifeln, soll an dieser Stelle gesagt sein, dass die Aufhebung der Sehnsucht (eben z.B. durch unüberlegtes und massloses Schenken), wiederum im wahrsten Sinne des Wortes, des Teufels ist. Den Beweis liefert wohl das berühmteste Schriftstück in deutscher Sprache, das zu Anfang einen von der Sehnsucht zerrissenen Opa zeigt, der nicht begreifen will, dass es eben gerade dieser Gemütszustand ist, der ihn am Leben erhält:**

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust
Die eine will sich von der andern trennen:
Die eine hält in derber Lebenslust
Sich an die Welt mit klammernden Organen
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.“

Natürlich riecht der Teufel (also Mephistopheles) den Braten und versucht alles, um Fausts Sehnsucht in einer trivialen Hingabe an den Augenblick zu ersticken, bis schliesslich…

Aber das würde jetzt zu weit führen.

* Nach: Benjamin, Walter: Berliner Kindheit um neunzehnhundert. In: ders.: Gesammelte Schriften. BD. VII/1, Frankfurt a. M. 1989, S. 385-433.

** Nach: Goethe, Johann Wolfgang: Faust. München 2005. Hier: Der Tragödie erster Teil, V. 1112-1117.

Gutscheinwelt.ch-Blogger, Bojan Peric

Literarisches Schenken 2: „Kunst der Erwartung“ (1941)

September 10th, 2009


„Wir alle leben nun einmal in einer Zeit des Massenhaften, nicht des Masses.“ So einer der scharfsinnigsten Denker, profundesten Menschenkenner und atemberaubendsten Sprachvirtuosen des vergangenen Jahrhunderts.* Man könnte auch sagen: in einer Überflussgesellschaft. „Yee-Ha, Max!“ jauchzen die Opportunisten und beissen in ihren vierten Big Mac in Folge. „Oh Gott was haben wir getan“, murmeln die Anhänger altehrwürdiger Bescheidenheit,** lassen ihre Halbglatzen in die aufgestützten Hände sinken und versuchen den Kopf zu schütteln, was freilich misslingt.

Überlassen wir die zwei Parteien ihren Emotionseruptionen und kommen später auf sie zurück. Wir befinden uns also im Jahr 1941; Nietzsche hat schon vor ein paar Jahrzehnten Gott adieu gesagt und die ganze westliche Welt ist aufgeklärt bis in die Zehenspitzen (der Umstand, dass ein wildgewordener Postkartenmaler gerade dabei ist, die grössten Verbrechen der Menschheit zu begehen, soll uns an dieser Stelle nicht beschäftigen). Folglich wich die Heilsgeschichte mittlerweile auch der handelsüblichen Geschichte, und das Menschenbild ist entsprechend mit demjenigen von Brant (siehe Text vom letzten Mal) nicht zu vergleichen.

Schieben wir nun jedoch auch das Menschenbild zur Seite und kommen später darauf zurück (spätestens an dieser Stelle des Textes würde mich jeder Zeitungsredakteur lynchen). Wir merken uns aber: Im Zwischenspeicher haben wir a) die Überflussgesellschaft und b) das moderne Menschenbild, und beide werden wir gleich in umgekehrter Reihenfolge, getreu der Arbeitsweise eines Kellerautomaten,*** abarbeiten. Doch zunächst zu einer hypothetischen Frage: Ihr lauft eine Nebenstrasse in Oberägeri entlang und vor euren Augen fallen 24 Sporttaschen voller Geld vom Himmel. Was schenkt ihr einer geliebten Person? Ich erlaube mir, in eurem Namen zu antworten: „das grösste, schönste, kostbarste, teuerste, edelste [hier Gegenstand einfügen], das es gibt!“ Logisch, oder?

Falsch.

Wieso falsch? Weil der Mensch es nicht braucht und – ohne es allerdings selbst zu wissen – auch nicht will. Und genau hier kommt unser Menschenbild ins Spiel, das Frisch folgendermassen erklärt:

„Wir leben aus Spannung zwischen Himmel und Erde, Funke zwischen den Polen. Wo es nicht ausreicht, fallen wir ab und verkohlen. Andre zerreisst es in Wahnsinn. Aus Zwiespalt sind wir geboren. In alles, was uns gelingt, gebären wir Zwiespalt hinein, der das Leben erhält, das grosse und ewige, das in Vergängnissen blüht und sich am eignen Blitze entzündet, immerzu.“

Der Zwiespalt ist also der Antrieb des Menschen; sprich das Nichthaben-und-Habenwollen, das Nichtwissen-und-Wissenwollen etc. Dies ist es sogar, was uns – schlicht und ergreifend – zu Menschen macht. Im Grunde also nichts anderes als Sehnsucht. Mit der Sehnsucht ist es aber so eine Sache: „Es ist ja nicht der Sinn einer Sehnsucht, dass sie sich erfülle; das Ewige, das unser letztes Verlangen ist, liegt im Unerfüllbaren.“ Klingt zwar wieder ein wenig nach Heilsgeschichte, wobei dort der Clou ist, dass der Christ auf die Erlösung aller weltlichen Sehnsüchte hofft (und darauf hinarbeitet), der moderne Mensch aber gerade in diesen seine Existenz begründet sieht, oder eben – traurigerweise – meist eben nicht sieht.

Ihr merkt aber – dann kriegt unsere Überflussgesellschaft ein Problem. „Mmglln?“ äussern die Opportunisten erstaunt mit einem 3/4 Big Mac im Mund. „Mmglln?“ schluchzen hoffnungsvoll die Halbglatzen mit Tränen in den Augenwinkeln. Frisch zitiert einen französischen Klassiker: „Das Rätsel der Langeweile, sagt Voltaire, ist die Vollständigkeit.“ Erschlägt man also das Fundament menschlicher Existenz mit der I-want-it-all-Keule, wirft man – entsprechendes Vermögen vorausgesetzt – mit Ferraris und Tiffany-Erzeugnissen um sich, tut man den Beschenkten keinen wirklichen Gefallen.

„Es fehlt jeder Takt gegenüber der eigenen Seele, jeder Ansatz zu wirklichem Stil. Es fehlt das Mass, die Stufung, die Beschränkung, die heilsame Möglichkeit, mehr oder weniger anzusehen, je nach innerem Vermögen. Es fehlt die Haltung, die Ökonomie des inneren Lebens. Immer da zeigt sich der Hang zum Massenhaften. Es fehlt die Erinnerung an all das, wovon die eigene Seele lebt…“

Daraus ergibt sich zweierlei. 1) Falls ihr die Strategie verfolgt, mit einem Geschenk, ähnlich einem verzauberten Goldfisch (oder für die jüngeren Leser: einem Überraschungs-Ei) drei oder mehr Wünsche auf einmal zu erfüllen, den Empfänger vollumfänglich zu befriedigen, so dass er für den Rest des Lebens auf Wolke 7 schwebt – vergesst es. 2) Unsere Frage (siehe letztes Mal) war ja ursprünglich die nach dem Sinn des Schenkens in einer Zeit, wo die Stabilisierung der göttlichen Ordnung keine Rolle mehr spielt. Nun denn: Der Sinn eines guten Geschenks ist, so zumindest Frisch, den Zwiespalt, die Sehnsucht in bester Wilhelm Tell-Manier mittig zu treffen, sie zu reizen, sie herauszufordern, um damit dem Beschenkten das Gefühl der Wahrhaftigkeit seiner Existenz vor Augen zu führen. Ölt also schon mal eure Armbrust.

 

* Alle Zitate nach: Frisch, Max: Kunst der Erwartung. Anmerkungen eines Architekten. In: ders.: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. 7 Bände. Frankfurt 1998, Band 1, S. 189-196. Dieses Gesamtwerk muss nun wirklich ausnahmslos jede(r) haben. Also am besten sich selbst einen amazon-Gutschein schenken, die Box bestellen und klug und glücklich werden.

** Bescheidenheit, oder wie Frisch es an anderer Stelle nennt, die „Wollust am Garnichts“.

*** Ein (theoretischer) Automat mit nur einem Speicher-„Stapel“, den er schrittweise abarbeiten muss, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Kellerautomat. Das war die letzte Fussnote, ich versprechs (ihr könnt unten nachschauen, es kommt nichts mehr).

Gutscheinwelt.ch-Blogger, Bojan Peric

Literarisches Schenken 1: „Das Narrenschiff“ (1494)

August 11th, 2009

Heutzutage haben wir bekanntlich alle denkbaren Mittel der Informationsbeschaffung: Morgen- und Abendzeitungen unterschiedlichster Couleur (insbesondere die am Abend haben ziemlich seltsame Couleurs), Live-Newsticker rund um die Uhr, RSS-Feeds, Social Networking-Plattformen und natürlich das immer überflüssiger werdende Fernsehen. Man könnte also meinen, wir wüssten alles. Doch mit der Informationsfülle steigt auch deren Verdauungsgeschwindigkeit; wir haben die Nachricht vom neusten Happy-Slapping-Zwischenfall in Schlieren noch gar nicht wahrgenommen, als wir unseren Geist bereits auf die Einsargung von Michael Jackson wenden, um nach Möglichkeit auf einem Umweg unverzichtbare Facts über den vermeintlichen exzessiven Crack-Missbrauch von Bubbles zu finden.
Seien wir ehrlich – das ist doch alles für die Füchse. Das Medium, das am präzisesten Aufschluss über den Menschen zu geben vermag, ist seit Jahrtausenden dasselbe geblieben – nämlich die Literatur. Angesichts der Tatsache jedoch, dass man mittlerweile sogar Michèle Roten erlaubt, ein Buch zu schreiben, und dass abgesehen von ein paar idealistischen Gymnasiasten so ziemlich jeder meint, „Homo faber“ sei der neue In-Boy der Zürcher Darkroomszene, wäre es eigentlich mehr als angebracht, die in Rindsleder eingebundene Ausgabe des „Faust“ fest zu umklammern und, über das Schicksal der Welt fluchend, schluchzend zusammenzubrechen.

Sei’s drum. Es liegt schliesslich nicht an mir, der Menschheit die Bücher zurückzubringen – was angesichts der genialen Aufmachung von „Punkt 12“ oder „Explosiv“ ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Tatsache ist jedoch, dass sich mit der Lektüre literarischer Texte Einblicke in unsere Spezies gewinnen lassen, die sonst für immer und ewig im Verborgenen blieben. Als Beispiel sei an dieser Stelle das „Narrenschiff“ von Sebastian Brant aus dem Jahr 1494 genannt; in diesem Werk beschreibt Brant ausführlich, welche Taten einen Menschen zum „Narren“ machen, und welches Schicksal ebendiesen Narren blüht. Das Spannende an Brant ist nun, dass, anders als es die herkömmliche mittelalterliche Auffassung vermuten liesse, auch soziales bzw. wirtschaftliches närrisches Verhalten verachtenswert ist. Mit anderen Worten: ob man nun beim Fleischverkauf den Kunden um zwei Pfund betrügt oder Gott auf die übelste Art lästert, bleibt das Ergebnis dasselbe: man wird früher oder später von Mephistopheles persönlich fachmännisch zu Schmorbraten verarbeitet.

Der Katalog der Laster bei Brant ist tatsächlich gigantisch (entsprechend besteht auch die gesamte Menschheit aus Narren), und so wundert es nicht, dass auch unser Thema zur Sprache kommt. „Schenken und Bereuen“ ist das Motto auf Seite 356f.:*

„Der ist ein Narr, der schenket Gut
Und es nicht gibt mit frohem Mut
Und dazu sauer und böse sieht,
Dass keinem Liebes damit geschieht.“

Das ist Fehlverhalten Nummer 1. Doch damit nicht genug:

„Den sieht man über die Achseln an, [d.h.: Denjenigen schätzt man gering]
Wer seine Wohltat vorhalten kann:
Er selbst gewinnt nicht mehr daran.“

Während Fehlverhalten 1 die Gewohnheit anprangert, widerwillig etwas zu schenken und somit den Vorgang des Schenkens selbst geringzuschätzen, zielt Fehlverhalten 2 auf die Unsitte, nach getanem Geschenk dem Beschenkten selbiges „vorzuhalten“ (heute würde man sagen „unter die Nase reiben“), in der Hoffnung, so bald als möglich ein adäquates oder gar noch tolleres Gegenpräsent zu kassieren.

Aufmerksame Leser werden nun brüllen: „So weit waren wir auch schon, auch ganz ohne deine dämliche Literatur! Du… Du Germanist!“

Als Germanist stehe ich natürlich über dieser unflätigen, wenngleich zutreffenden, Beleidigung, aber die Beobachtung ist tatsächlich richtig: die Verwerflichkeit vom erwähnten Verhalten haben wir in diesem Blog auch ganz ohne fremde Hilfe konstatiert. Wozu also das Ganze? Interessant ist, wie Brant begründet, dass entsprechendes Verhalten fehlerhaft ist:

„Allein aus freiem Herzen kommt
Geschenk, das einem jeden frommt.
Der Dank gar selten verloren geht;
Wenn er zuweilen auch kommt spät,
So pflegt sich alles doch zu schlichten
Und nach der Ordnung einzurichten.“

Entscheidend hierbei ist die „Ordnung“, die natürlich als „göttliche Ordnung“ gelesen sein will. Anständiges, geziemendes Schenken bekräftigt also die christliche Einrichtung der Gesellschaft und führt uns schliesslich – als eines von vielen Puzzleteilen – zum Seelenheil. Mephistopheles schaut folglich betrübt in seinen leeren Topf und unsere Seelen dürfen das „Smoke on the Water“-Riff bis in alle Ewigkeit auf der Harfe üben. Ihr merkt schon, wo das Problem liegt – Brants Buch ist von 1494. Bescheidene 515 Jahre später ist Gott, spätestens mit Nietzsche, endgültig in Rente geschickt, und der heutige Glauben einer Mehrzahl der Christen ähnelt eher einem trendigen Lifestyle als der tatsächlichen und vollständigen Einfügung in einen religiösen Überbau. Böse gesagt könnte man heutzutage auch an Aspirin glauben, ohne dass man sich gross von einem „echten“ Gläubigen unterscheiden würde.

Was also tun? Wie begründen wir die Existenz des Schenkens, d.h. ihren tiefsten Urgrund, im Jahr 2009? Vielleicht gibt uns ein weiterer – weitaus modernerer – Text Aufschluss, der in einem Monat seziert wird…

* Nach: Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Übertragen von H. A. Junghans. Stuttgart 2006. Ich empfehle übrigens das Buch ausdrücklich nicht! Es ist über weite Strecken langweilig bis zur Unerträglichkeit.

Gutscheinwelt.ch-Blogger, Bojan Peric

Much Ado about Nothing*

Juli 16th, 2009

Seit einem Monat können wir nun schon dankbare von undankbaren bzw. allzu dankbaren Geschenkempfängern unterscheiden. Nun werdet ihr jedoch bestimmt, aus eurer lebensweltlichen Erfahrung schöpfend, den Einwand vorbringen, dass es allenthalben auch freiwilligen beiderseitigen Verzicht auf Geschenke jeglicher Art gibt.

Und ihr tut das zu Recht – in der Tat bestehen seltsame Bündnisse zwischen gewissen Individuen, die besagen, dass man sich zu Feiertagen oder sonstigen Anlässen nichts schenkt; sei es bei Gelegenheiten, wo es sich um konventionalisiert-bilaterales Schenken handelt (wie z.B. Weihnachten), oder bei solchen mit lediglich einer Zielperson (wie z.B. Geburtstag). Was ist davon zu halten? Wie kommen Leute auf diese abstruse Idee? Natürlich lässt sich dies nicht pauschal beantworten; es koexistieren unterschiedliche Voraussetzungen, die jedoch im – zumindest auf den ersten Blick – gleichen Ergebnis münden.

a) Miserable finanzielle Verhältnisse

Naja, was soll man dazu sagen. Blöd gelaufen. Das Einzige, was man tun kann, ist, zu versuchen, wieder zu Geld zu kommen. Sollte der Umstand jedoch auf einem gestörten Verhältnis zum Geldausgeben basieren (Spielsucht, Schönheitsoperationenwahn oder der unstillbare Drang, blödsinnige Kleinigkeiten zu kaufen), bleibt aus der Sicht eines Aussenstehenden nur die Hoffnung. Die stirbt schliesslich zuletzt.

b) Die betroffenen sind Zeugen Jehovas

Ich werde den Teufel tun und über diesen Umstand philosophieren.

c) Versuch eines Ausgleichs ungleich verteilter Güter

Diesem Phänomen begegnet man beispielsweise in Familien, deren Kinder noch nicht alt genug sind, um eigenes Geld zu verdienen. Neben der – seltenen – sadistischen Variante, in der die Eltern den Kindern nichts schenken, weil die Kinder ihnen nichts zurückschenken können, findet sich häufiger die Konstellation, dass die Kinder den Eltern zwar nichts schenken müssen, umgekehrt jedoch beschenkt werden.
Dies mag zwar okay scheinen, bei näherem Hinsehen offenbaren sich jedoch Schwachstellen. So verhindert man beispielsweise die kreative Ausdrucksfähigkeit des Kindes, indem man implizit behauptet, ein Geschenk müsse zwingend käuflich erworben werden. Damit einhergehend wird dem Nachwuchs eine ziemlich heikle Weisheit mit auf den Weg gegeben: Wenn du nichts tust, wirst du belohnt. Wenn das Kind älter wird und irgendwann Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, insbesondere den kategorischen Imperativ („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“) missversteht, wird es nie wieder einen Finger für irgendwas krumm machen.
Moralisch empfindsame Kinder wiederum, also solche, deren Leben nicht vom Nachmittagsfernsehprogramm gelenkt wird, empfinden die Tatsache, dass sie niemanden – und insbesondere ihre Liebsten – beschenken dürfen, als Mangel. Zusammen mit der systematischen Zerstörung ihrer Kreativität bastelt man als Elternteil so eine Ausgangslage, ob der sich Psychologen mit Dollarzeichen in den Augen die Hände reiben, bis sie dampfen.
d) Freiwilliger beiderseitiger Verzicht auf Geschenke

Dies ist die vertrackteste aller Erscheinungsformen. Man findet sie bei vordergründig absolut souveränen Verbänden (z.B. Familien), die ihre präsentale Abstinenz oftmals mit einer der folgenden Aussagen begründen: Einerseits sei es widersinnig, einander zu beschenken, nur weil eine gesellschaftliche Konvention dies verlangt; andererseits sei eine Geschenkfindung immer mit Stress verbunden, der im Grunde schliesslich nichts nützt, da es ja „nur ein Geschenk“ sei.
Wie einleuchtend diese Gründe auch erscheinen mögen, bei näherem Hinsehen erweisen sie sich alle als unhaltbar. Das Stressargument zeugt von einem fundamentalen Missverständnis des Schenkungsritus. Zunächst mal geht es um eine zwischenmenschliche Interaktion – der Stress als höchst egoistische Begründung fällt also schon mal flach. Des Weiteren bewegt sich Schenken auf einem anderen Niveau als der gewöhnliche Lebensmitteleinkauf – ein Geschenk ist viel mehr als ein Rindssteak (paradoxerweise auch dann, wenn das Geschenk tatsächlich ein Rindssteak ist).
…Was uns zum Konventionsargument bringt. Das Schenken zu verteufeln, nur weil es sozialen Regeln folgt, ist in etwa so sinnvoll, wie wenn man behauptet, ein Mann, der einer Frau die Türe aufhalte, sei ein Sexist. Der Sinn der gesellschaftlichen Übereinkunft, einander zu beschenken, liegt schliesslich darin, etwas zu materialisieren, das an sich nicht materialisierbar ist – sprich Empfindungen in „greifbare“ Gegenstände bzw. Dienstleistungen. Dieser Medienwechsel erfordert jedoch viel Kreativität und verdient eben aufgrund der Schwierigkeit der Aufgabe höchsten Respekt. Da die thematisierten Familien jedoch höchstwahrscheinlich ihre Kreativität in den Kindertagen eingebüsst haben, erstaunt es nicht, dass sie sich in die erwähnte Patt-Situation hineinmanövrieren.

Dass dies keine Lösung sein kann, versteht sich von selbst. Es bleibt uns also nichts Anderes übrig, als die – vermeintlichen – Fesseln der sozialen Abmachungen als Grundpfeiler unserer kreativen Betätigung anzusehen. Dann klappts auch mit dem Schenken.

* wenn euch die Frage keine Ruhe lässt, wer denn dieser komische „Ado“ ist, dann lest ihr entweder zu wenig Bücher, oder ihr könnt Google nicht bedienen. Beides ist an sich eine Todsünde, aber ich will mal nicht so sein. Ihr dürft wieder an den Anfang zurückkehren und weiterlesen.

voucherNet.ch-Blogger, Bojan Peric

Rein rechnerisch

Juni 20th, 2009

Was haben wir in diesem Blog nicht schon alles seziert: Typen von Schenkern und Beschenkten, Strategien des Schenkens, besondere Anlässe, Charakteristika des Geschenks und sogar den (oder die) Leibhaftigen persönlich. Was noch fehlt, ist die Frage, die bestimmt allen unter den Nägeln brennt: Gibt es Personen, die kein Geschenk erhalten sollen? Bei denen es sich, aus welcher Sicht auch immer, nicht lohnt, Mühe und Herzblut, oder auch nur schon fünf Minuten Zeit, für eine kleine Aufmerksamkeit zu investieren?
Um diese Frage angemessen zu beantworten, brauchen wir zunächst ein Faktum, von dem wir ausgehen können. Und zwar folgendes: Man sagt – wobei „man“ in diesem Fall hochdotierte Wissenschaftler sind –, in den Augen eines Schenkenden erhalte Geld ein Vielfaches seines Wertes, sobald es in ein Geschenk und nicht in eine normale Ausgabe, also beispielsweise Miete, Wurstsemmeln oder Klopapier, fliesst. Salopp und vereinfacht gesagt: 1 Fr., den man für ein Geschenk ausgibt, entspricht emotional sagen wir 100 Fr., die man für 4lagige Zelluloseerzeugnisse auf die Theke knallt. Nehmen wir den monetären Wert des Geschenks als x und den gefühlten Wert als gW, ergibt sich die Gleichung

x*100 = gW, oder – weil es so cool algebraisch aussieht –

100x = gW

Konkretes Beispiel: Eine Pralinéschachtel für den Schatz, die läppische 14.90 kostet, ergibt einen gefühlten Wert von 1490 Franken. Nicht übel.

Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die vorausgegangenen Rechnungen – und somit der emotionale Wert – gehen nur von der Seite des Schenkers aus. Das Schenken ist jedoch (fleissige Leser wissen das natürlich) ein hochgradig interaktiver und somit bidirektionaler Prozess. Es müssen also weitere Begebenheiten berücksichtigt werden, d.h. der Beschenkte selbst. Wie wir seit letztem Monat wissen, lassen sich jedoch so gut wie keine Aussagen über dessen Präferenzen und Sicht der Dinge anstellen. Wir brauchen aber dennoch eine bezifferbare Grösse, um damit vernünftig rechnen zu können. Was also tun?

Greifen wir zur Quantitätslösung: um den tatsächlichen Es-lohnt-sich-Koeffizienten (ElsK) zu erhalten, teilen wir den gefühlten emotionalen Wert durch die Anzahl der Beschenkten. Aber im metaphorischen Sinne, sprich wir setzen die Anzahl Egos mit der Grösse des einen beschenkten Egos (E) gleich, wobei wir davon ausgehen, dass ein Standardego den Faktor 1 besitzt. In einem normalen Fall ergibt sich also die Gleichung:

gW/E = ElsK

Und folglich, da gW = 100x

100x/E = ElsK

Beschenken wir eine normale Person, wie unseren Schatz von oben, mit derselben Pralinéschachtel, erhalten wir

100*14.90/1 = ElsK

Ein normales Ego ist ja, wie wir gerade sahen, gleich 1. Der Es-lohnt-sich-Koeffizient entspricht also – logischerweise – exakt dem gefühlten Wert, also 1490 Fr. So soll es auch sein.

Doch nicht zu früh gefreut. Die Probleme fangen nämlich an, wenn das Ego zwischen 1 und 0 bzw. zwischen 1 und unendlich schwankt. Im ersten Fall vergrössert sich verständlicherweise der ElsK, bis es bei einem Ego von 0.001 und weniger brenzlig wird. Die Dankbarkeit der beschenkten Person wächst unabhängig vom tatsächlichen Geschenkwert beinahe ins Unendliche, was äusserst unangenehme soziale Interaktionen mit sich bringen kann. Was bei einem Hund noch knuddlig ist – nämlich wenn er vor Freude über einen Kauknochen (man stelle sich vor – einen Kauknochen!) in delliriumähnliche Zustände fällt, kann zwischen Menschen böse herauskommen. Ist das Ego gar gänzlich bei 0, verletzt unsere Gleichung das Permanenzprinzip, und das Ergebnis wird undefinierbar. Von spontaner Kopulation bis zum Lebendigfressen à la Heinrich von Kleists Penthesilea liegt also alles drin.
Im zweiten Fall kommt es primär auf unseren Geldbeutel an. Je grösser das Ego des Beschenkten ist, desto mehr Kohle müssen wir aufwenden, um einen vernünftigen ElsK herauszuholen. Auch wenn verträumte Idealisten jetzt aufschreien – machen wir uns nichts vor; Papa und Tochter Hilton haben durchaus Freude, wenn er ihr mal wieder einen Hello-Kitty-Ferrari schenkt. Auch wenn die Freude nur von kurzer Dauer ist und von uns Normalsterblichen höchstwahrscheinlich nicht als Freude im eigentlichen Sinn bezeichnet werden kann.
Wenn das Ego jedoch tatsächlich die Unendlichkeit erreicht, schliesst sich der Kreis, und wir finden die Antwort auf unsere Ausgangsfrage: der ElsK wird immer 0, egal wie hoch der monetäre Einsatz ist. Sofern ihr also tatsächlich Leute kennt, die in sich nicht nur ein Ego tragen, das für eine Kleinstadt ausreichen würde, sondern sich tatsächlich für eine Reinkarnation Jesu (oder etwas Ähnliches) halten, spart euch die Mühe. Versucht lieber, den Bekannten, die sich gegenwärtig unter 1 befinden, etwas von eurer Präsenz zu schenken. Das geht auch ganz ohne Mathe.

voucherNet.ch-Blogger, Bojan Peric